Treppensteigen verlängert dein Leben? Eine Studie im Reflexions-Check
„Treppensteigen senkt das Sterberisiko um 24%“ – so oder ähnlich ging diese Schlagzeile kürzlich wieder durch die Medien, aktuell auch bei n-tv. Klingt nach einer schönen, simplen Botschaft: Fahrstuhl meiden, Treppe nehmen, länger leben. Statt die Zahl einfach zu übernehmen, nutze ich sie hier als Beispiel dafür, wie ich an so eine Schlagzeile herangehe – mit denselben Fragen, die ich jedem ans Herz legen möchte, der (Gesundheits-)News liest.
1. Die Studie dahinter
Dr. Sophie Paddock von der University of East Anglia und dem Norfolk and Norwich University Hospital stellte die Ergebnisse erstmals im April 2024 auf dem Kongress der European Society of Cardiology vor: eine Metaanalyse aus neun Studien mit insgesamt rund 480.000 Teilnehmenden, wovon eine Untergruppe von fünf Studien mit etwa 455.000 Personen für die zentrale Sterblichkeitsauswertung herangezogen wurde. Menschen, die regelmäßig Treppen steigen, hatten demnach ein um 24% geringeres Risiko, in der Studienlaufzeit aus irgendeinem Grund zu sterben, und ein um 39% geringeres Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben.
Frage 1: Wer hat das untersucht?
Eine praktizierende Kardiologin an einer anerkannten britischen Universität und einem Lehrkrankenhaus – das ist erstmal eine solide Herkunft. Wichtig ist aber der nächste Schritt.
Frage 2: Wurde das unabhängig begutachtet?
Hier wird es interessant: Die erste Version der Ergebnisse war ein Kongressvortrag, keine reguläre Fachpublikation. Kongressbeiträge durchlaufen meist eine deutlich leichtere Prüfung als ein vollständiger, peer-reviewter Artikel. Erst im Juni 2024 erschien eine Zusammenfassung als Supplement im European Journal of Preventive Cardiology – ein Zwischenschritt, aber noch nicht der volle Peer-Review-Prozess eines eigenständigen Original-Artikels. Die ausführlichere Publikation, auf die sich der aktuelle n-tv-Artikel offenbar bezieht, kam erst rund zwei Jahre später.
Frage 3: Ist das wirklich “neu”?
Nicht wirklich. Die zugrunde liegende Analyse ist von 2024 – die aktuelle Medienwelle greift eine ältere Erkenntnis erneut auf, vermutlich getriggert durch die spätere vollständige Veröffentlichung. Das macht die Zahl nicht falsch, aber “aktuelle Studie zeigt” ist eine Formulierung, die man mit etwas Vorsicht lesen sollte.
Frage 4: Zeigt das Ursache oder nur Zusammenhang?
Eine Metaanalyse aus Beobachtungsstudien zeigt Zusammenhänge, keine bewiesene Ursache. Menschen, die regelmäßig Treppen steigen, unterscheiden sich möglicherweise auch sonst von Menschen, die es nicht tun – etwa in allgemeiner Fitness oder Gesundheitsbewusstsein. Bemerkenswert ehrlich: Dr. Paddock selbst benennt eine Schwäche offen – die Daten beruhen größtenteils auf Selbstauskünften der Teilnehmenden darüber, wie oft sie Treppen steigen, was zu Erinnerungsverzerrungen führen kann.
Frage 5: Gibt es einen plausiblen Wirkmechanismus?
Hier steht die Studie besser da als viele andere Gesundheits-Schlagzeilen: Treppensteigen ist klassisches Ausdauertraining mit bekannten, gut erforschten Effekten auf Blutdruck, Cholesterin und die allgemeine Herz-Kreislauf-Fitness. Der Zusammenhang ist also nicht nur statistisch, sondern auch physiologisch gut erklärbar – anders als bei manch anderer “eine Sache verlängert dein Leben”-Meldung.
2. Was bedeutet das jetzt praktisch?
Trotz aller Einschränkungen: Die Grundbotschaft ist vernünftig und mit geringem Risiko verbunden. Treppensteigen ist kostenlos, niedrigschwellig und lässt sich in den Alltag integrieren, ohne dass man dafür ins Fitnessstudio muss. Man muss die 24%-Zahl nicht als bewiesenes Naturgesetz behandeln, um trotzdem zu sagen: Es spricht wenig dagegen und einiges dafür, öfter die Treppe statt den Aufzug zu nehmen.
Der eigentliche Punkt dieses Beitrags ist aber weniger die Treppe selbst als die Methode: Fünf einfache Fragen – wer hat’s gemacht, wurde es begutachtet, ist es wirklich neu, zeigt es Ursache oder nur Zusammenhang, gibt es einen plausiblen Mechanismus – lassen sich auf so gut wie jede Gesundheits-Schlagzeile anwenden, bevor man sie glaubt oder verwirft.
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische Beratung.
FAQs
Das ist das Ergebnis einer Metaanalyse aus Beobachtungsstudien mit rund 455.000 Teilnehmenden. Es handelt sich um einen statistischen Zusammenhang, keinen bewiesenen ursächlichen Effekt, auch wenn ein plausibler biologischer Mechanismus (Ausdauertraining) dahintersteht.
Die Ergebnisse wurden 2024 zunächst nur auf einem Fachkongress vorgestellt. Eine vollständigere Veröffentlichung folgte offenbar erst deutlich später, was die aktuelle Medienberichterstattung ausgelöst haben dürfte.
Ein Kongressvortrag durchläuft meist eine deutlich leichtere Prüfung als eine vollständige Fachpublikation. Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse falsch sind – aber die Aussagekraft und methodische Prüftiefe sind unterschiedlich.
Ja, das spricht wenig dagegen. Auch ohne die genaue Prozentzahl als bewiesenes Faktum zu behandeln, ist Treppensteigen ein kostenloses, alltagstaugliches Ausdauertraining mit gut erforschten allgemeinen Gesundheitsvorteilen.
Quellen
Climb stairs to live longer – Pressemitteilung der European Society of Cardiology (2024): https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/Climb-stairs-to-livelonger
Paddock, S. et al. Evaluating the cardiovascular benefits of stair climbing: a systematic review and meta-analysis. European Journal of Preventive Cardiology, 31(Suppl_1), 2024. https://doi.org/10.1093/eurjpc/zwae175.405
Einordnung inkl. Hinweis auf fehlende Peer-Review zum Zeitpunkt der Erstpräsentation (Healthline): https://www.healthline.com/health-news/climbing-stairs-heart-healthlongevity
Aktuelle Berichterstattung zur vollständigen Veröffentlichung (MedicalXpress, 2026): https://medicalxpress.com/news/2026-08-stairs-early-death.html
Hinweis: Recherche über Websuche, kein systematisches Datenbank-Review
No responses yet